syn² - Verschmelzung der Sinne

syn² - Verschmelzung der Sinne

Diplomarbeit Sommersemester 06 : Experimentelle Buchgestaltung mit Schwerpunkt Typografie und Illustration

Hochschule Darmstadt – Fachbereich Gestaltung, Prof. Sabine Zimmermann
 

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Aufgabe:

Das Wahrnehmungsphänomen Synästhesie, die Verschmelzung der Sinne, ist aufgrund seiner stark individuellen Erscheinungsform nur schwer zu erfassen. Man versteht darunter allgemein betrachtet die Stimulation einer Sinnesqualität, wobei jedoch nicht nur dieser eine Sinn, sondern gleichzeitig auch ein anderer angesprochen wird. Wie kann man einem
Nicht-Synästhetiker dieses Thema spielerisch näher bringen, ohne auf »visuelle Vermutungen« zurückzugreifen?

Konzept:

Das Ergebnis ist ein Buchkonzept, welches dem Design-interessierten Leser die Thematik Synästhesie inhaltlich wie auch illustrativ vermittelt, ohne eine synästhetische Welt vorzuinterpretieren. Hierbei bilden Verschmelzungen in der gesamten Gestaltung (Literaturauswahl, Materialwahl, Format, Typografie und Illustrationen) den Hauptaspekt der Arbeit, die das Bewusstmachen und Schärfen der Sinne des Betrachters zur Aufgabe hat. Das zweigeteilte Buch beinhaltet die synästhetische Novelle »Der Lehrer, das Wunderkind und getreidefeldmitrabenschwarz« von Nina Kupczyk; eine Geschichte über einen kleinen Jungen, dessen besondere Art der Wahrnehmung, über eine tiefe Freundschaft und ihr tragisches Ende. Der zweite Teil stellt Bezug nehmende Texte aus Wissenschaft, Philosophie, Prosa und Lyrik erläuternd gegenüber. Verflochten werden diese mit den illustrativ und typografisch aufgegriffenen Hauptmotiven der Schriftstellerin: der Rabe und der Fluss.

Lösung:

Durch die spezielle Bindung lässt sich jedes in sich abgeschlossene Buch einzeln oder aufgeklappt parallel lesen. Hierbei findet ein Wechselspiel beider Bücher statt, in dem sie zueinander Bezug nehmen, ohne von einander abhängig zu sein (synästhetisches Prinzip). Die unterschiedlichen Papiere, Blindprägungen sowie ein Magnetverschluss machen das Buch auch haptisch interessant. Das kompakte, quadratische Format sowie der Satzspiegel multiplizieren sich; stehen metaphorisch für die Sinnesdopplung und deren Gleichberechtigung. Beide Bücher sind mit nur einer Schriftsippe gesetzt (Corporate ASE), die Novelle zurückhaltend und klar, die Begleitliteratur hingegen kontrastreich und je nach inhaltlicher Ebene typografisch gegliedert. Unterschiedlichste Schriftgrößen, Überlagerungen und Verfremdungen führen den Leser an seine Grenzen. Weiterführend wird der Raum um den Satzspiegel als verfremdete »Außenwelt« genutzt. Alle Sätze aus der Novelle, die das Wasser thematisieren, fließen geradewegs vom Ursprung aus (siehe gedoppelter Satzspiegel) durch das Buch und werden dort invers zu »Tropfen«.

Ein stetig ansteigender Wasserspiegel, immer auf den Seiten auftauchend, in denen die Novelle dramaturgisch entscheidende Stellen erreicht, bildet die erste illustrative Ebene. Dieser steigt bis zum Ertrinken des Jungen an und manipuliert dabei das Schriftbild. Die zweite illustrative Ebene sind die Raben. Es sind so viele Raben pro Seite zu sehen, wie sie in der Novelle auf der Parallel-Seite genannt werden. Ein Suchspiel beginnt, denn die Raben ergeben sich nach und nach aus schwarzen Farbklecksen. Auf Farbigkeit wurde bewusst verzichtet, schließlich spielen Farben in synästhetischer Wahrnehmung eine übergeordnete Rolle und sollen hier nicht vorweg genommen werden.

Ein »buntes« Buch in Schwarz/Weiß – oder sind es zwei?

Jahr: 2006
syn²